Zeitschrift Porta Westphalica2018-09-02T10:01:59+00:00

Fritz W. Franzmeyer

Zeitschrift „Porta Westphalica“

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erschien in Minden für einige Jahre ein Blättchen mit dem Titel „Porta-Westphalica“. Was nach harmloser Heimattümelei aussieht, zeigt im Untertitel seine Zähne: „Ein Blatt für Wahrheit, Recht und Gemeinwohl“. Man spürt sofort, dass die Verantwortlichen in den Verhältnissen, über die sie schrieben, die Wahrheit verdreht, das Recht verletzt, das Gemeinwohl missachtet fanden. Warum sie den irreführenden Haupttitel wählten, ist nicht bekannt. Der Antrag, mit dem sie um die Konzession hatten nachsuchen müssen und in dem vielleicht etwas zur Begründung zu finden gewesen wäre, liegt in den Staatsarchiven nicht mehr vor. Man kann also nur Vermutungen anstellen. So mag eine gewisse Camouflageabsicht im Spiele gewesen sein: Im Schafspelz wird der Wolf von seinen Gegnern (und Opfern) nicht so schnell erkannt.
Auch war der Begriff Porta Westphalica damals, ein halbes Jahrhundert vor dem Bau des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, noch nicht „nationalmonarchisch“ belastet; der durchaus schon grassierende Hermann- und Widukind-Kult stand nur für das gegen Frankreich gerichtete Einigungsstreben der Deutschen. So konnte sich des Begriffes ohne große Bremsreflexe die Mindener politische Linke bedienen. Vielleicht sah sie im ersten Namensbestandteil, der „Pforte“, eine Metapher für den einladenden Übertritt der Deutschen aus einer alten, abgewirtschafteten in eine neue, verheißungsvolle Zeit. Die alte Zeit, das waren der Absolutismus, der Dünkel und die Privilegien von Adel und Militär. Die neue Zeit, das waren die bürgerlichen Freiheiten, die Demokratie, die staatliche Einheit und die soziale Solidarität in der Phase frühindustrieller Verelendung. Im zweiten Namensbestandteil, „Westphalica“, fehlt diese Aufladung. Er verortete das Blatt geographisch, verwies also auf die ostwestfälische Sicht der Dinge. Er weckte zudem die Erwartung auf lokale Nachrichten und sprach so gleich doppelt den heimischen Leser an, der die Zeitschrift ja schließlich abonnieren sollte.
Auf der Zeitachse lässt sich, im Nachhinein betrachtet, die „Pforte“, auch wenn sie schon bald wieder geschlossen werden sollte, genau bestimmen. Es war die Zeit vor, während und nach der – schließlich gescheiterten – „bürgerlichen Revolution“ von 1848/49. Die Gründung der Zeitschrift war jedenfalls keine Reaktion darauf. Vielmehr hatte sie schon bestanden, als es in Wien, Berlin und Baden zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. Sie hat die Revolution nicht propagiert. Hätte sie es getan, wäre sie schon 1849 erledigt gewesen. Sie lebte aber noch ein knappes Jahr länger. Doch sie kämpfte, schließlich auf verlorenem Posten, durchaus für die geistigen Ideale, von denen die Revolution getragen wurde. […]
Zugleich erfährt man manches über die Männer, die hinter dem Projekt standen. Das waren der Verleger, spätere Redakteur und Buchhändler Ferdinand Eßmann, der erste Redakteur Dr. med. David Julius Heilbronn und der Drucker Christian Fickert, alle drei in Minden ansässig. Zu Beginn des gemeinsamen Unternehmens „Brüder im Geiste“, stehen sie für unterschiedliche biographische Verläufe, die sich unter dem Druck der Ereignisse und Verhältnisse ergaben: der erste eine Art politische „Stehauf-Figur“, der zweite ein innerer Emigrant, der dritte ein Mann mit angeschlagenem Rückgrat. Doch die Schicksale Eßmanns und Fickerts sollen hier nur am Rande interessieren. Im Mittelpunkt steht die Gestalt Heilbronns, der die Zeitschrift in ihren ersten anderthalb Jahren inhaltlich und stilistisch prägte und dessen Lebensweg vom bildungshungrigen, durch Aufklärung und Humanismus geprägten Sohn eines jüdischen Pferdehändlers über eine hochaktive Lebensphase als leidenschaftlicher Arzt und Gesundheitsbeauftragter der Regierung hin zum politischen Redakteur und schließlich zum Rückzug ins Private manche Rätsel aufgibt, sowohl was seine Motive als auch was die Rezeption seines Wirkens durch Öffentlichkeit und Staat betrifft. […]
Hierbei handelt es sich um einen Ausschnitt eines Aufsatzes von Fritz W. Franzmeyer.
Die gesamte Fassung dieses Werkes und weitere Aufsätze über Barkhausen sind unter der ISSN 0340-188X beim Mindener Geschichtsverein veröffentlicht worden.
Mindener Geschichtsverein