Die vaterländische Flottenerweiterung

„Wittekind“ „Germania“ Blücher“

Bereits für das Jahr 1844 hatte sich die Vereinte Weser-Dampfschiffahrt viel vorgenommen. Es sollten auch die Bergfahrten von Hameln nach Münden an einem Tage geschafft werden. Außerdem stand der Erwerb neuer Schiffe an. Im Februar 1844 ging die – schon lange bestellte, aber von Wm. Bird & Co. mit einem Jahr Verspätung gelieferte – „Wittekind“ in Dienst. Sie hatte 40 PS und schloss im regelmäßigen Linienverkehr die Lücke zwischen Hameln und Bremen. Der Liebhaber von Reisen auf der Weser war nun nicht mehr nur auf den Abschnitt Hameln-Münden verwiesen. Bereits im August desselben Jahres kamen die „Germania“ und die „Blücher“ hinzu. Am 10. August konnten alle vier Schiffe gleichzeitig in Hameln bestaunt werden.
Die gesamte Flotte war also bis dahin mit vaterländischen Namen bedacht, die „Hermann“ hatte dazu nur den Auftakt gegeben. Eine Ausnahme macht nur die 1846 angeschaffte „Weser“, doch hatte man bei ihrer Taufe sicher im Kopfe, dass die Weser ja als einziger großer Strom des Landes in ganzer Länge deutsch war. Der Regierungsrat Nauck war davon so begeistert, dass er im April 1845 ins Poetisieren kam. Standesgemäß geriet ihm sein „Gedicht“, mit dem er von seiner Wirkungsstätte Minden und ihrer Umgebung Abschied nahm, reichlich technisch. Es trug die Überschrift „Porta Westphalica; geognostisch, barometrisch und nivellitisch,/biblisch, historisch, nur nicht politisch,/ Dahingegen gar botanisch,/ Dampfschiffahrtlich, eisenbahnisch.“ Und in dem Poem selber heißt es an einer Stelle: „Wittekind und Blücher kämpfen/ Flott und feurig Tag für Tag,/ Noch für uns mit Wasserdämpfen/ Kolbenstoß und Pumpenschlag.“
Dagegen nimmt sich der „Correspondenz-Artikel“ eines Aktionärs der Vereinten Weser-Dampfschiffahrt vom 25.3.1844 für „Die Fama“, eine Beilage zum Mindener Sonntagsblatt, geradezu nüchtern aus: „Am 22. d. Mts. Morgens 6 1/2 Uhr hatten die Bewohner Mindens das erfreuliche Schauspiel, das für die vereinte Weser-Dampfschiffahrt bestimmte schöne engl. Dampfschiff „Wittekind“ auf seiner ersten regelmäßigen Bergfahrt feierlich hier zu begrüßen. Die hohen Königl. Behörden waren zu diesem Zwecke, begleitet von dem Musikkorps Königl. 15. Infanterie-Regiments und dessen Chef, Herrn Obrist Menkhoff, dem Dampfboot bis Wietersheim entgegen gefahren, und kehrten an dessen Bord unter dem Donner des Festungsgeschützes und dem tausendstimmigen Jubel der versammelten Menschenmenge nach Minden zurück.“
Nachdem das Schiff mehrere Stunden in Minden gelegen habe und bestaunt worden sei – wobei besonders die Maschine von Penn & Sons aus Greenwich im Mittelpunkt gestanden habe –, sei eine „zahlreiche treffliche Gesellschaft“ an Bord gegangen und, bei Halten in Vlotho und Rinteln, bis Hameln mitgefahren. In Rinteln habe es einen festlichen Empfang mit Geschützdonner und „Ehrenpforte“ für die Honoratioren gegeben, aber auch in Hameln hätten viele Tausende dem Schiff zugejubelt. „Die Administration Minden hatte zur Feier des Geburtstages Sr. Königl. Hoheit des Prinzen von Preußen (Höchstwelcher sich kürzlich mit 10 Actien bei dieser Dampfschiffahrt zu betheiligen die Gewogenheit hatte) ein Diner an Bord veranstaltet, welches während der Fahrt unter der fröhlichsten Laune eingenommen wurde.“ Obrist Menkhoff und Oberregierungsrat von Borries hätten dabei Toasts und Lebehochs auf die Hohenzollern und ein einiges Vaterland ausgebracht. Die meisten Honoratioren seien von Rinteln mit dem Wagen zurückgefahren, während die „Administratioren“ bis Hameln an Bord geblieben seien.
Mit den neuen und stärkeren Schiffen ließ sich auf allen Strecken die Verkehrsfrequenz erhöhen. Der Fahrplan für 1845 weist wöchentlich jeweils vier Fahrten von Bremen nach Minden, vier von Minden nach Hameln und ebenfalls vier von Hameln nach Hannoversch Münden aus. Für die Talfahrt waren je zwei Passagen von Münden nach Hameln bzw. von Münden nach Minden und ebenfalls je zwei von Hameln bzw. Minden nach Bremen vorgesehen. Die gesamte Fahrt von Münden bis Bremen ging über 22 Stationen, darunter in unserem Raume Rinteln, Vlotho und Erder, Minden, Petershagen und Stolzenau. Fest angelegt wurde in neun Städten, darunter Rinteln, Minden und Stolzenau. Für die Gesamtstrecke, sei es zu Berg oder zu Tal, zahlte man in der ersten Klasse 6 Taler und in der zweiten Klasse 3 Taler 10 Gutegroschen. Die Stimmung war so euphorisch, die Nachfrage nach Passagen so groß, dass die Gesellschaft bereits im Juli 1844 die Aufstockung der Flotte auf sieben Schiffe beschloss. Davon sollten fünf den laufenden Betrieb bestreiten, zwei aber in Reserve gehalten werden – offenbar für etwaigen Spitzenbedarf ebenso wie für unvermeidbare Ausfälle.