Die Oberweser Privatschiffer Vereinigung

Die Wasserbaumaßnahmen stärkten freilich vor allem die Schleppschifffahrtsgesellschaften. Die Privatschiffer waren nun zwar wieder lebensfähig, insbesondere seit in Thüringen und Hessen Kaliabbau im großen Stil betrieben wurde. 1906 errichtete das Kalisyndikat dafür in Hann.-Münden eigens eine Umschlagstelle Schiene-Weser. Doch die Schiffer wurden noch mehr in die Abhängigkeit von den Kapitalgesellschaften getrieben, zuweilen unter recht demütigenden Umständen. So gelang es den Schiffern Niemeyer und Arnecke aus Bodenwerder 1908 nicht, ihr neues eisernes Schiff von den Reedereien schleppen zu lassen. Sie sahen sich schließlich genötigt, es der MSG zu verkaufen, die es ohne Skrupel als „Minden 47“ in ihre Flotte aufnahm. Damit nicht genug. Niemeyer fand als Kapitän des MSG-Dampfers „Porta“ neue Arbeit, und es wurde ihm nicht erspart, sein eigenes ehemaliges Schiff zu schleppen.
Nicht nur die Mindener, auch die übrigen Reedereien schafften sich eigene Kahnflotten an. Die Schiffer drohten zu bloßen Aushelfern zu werden. Immer mehr von ihnen gingen in die Dienste der Gesellschaften über. Dass dies auch so bliebe, daran hatten durchaus alle Gesellschaften ein Interesse. Zu allem Überdruss mussten die Privatschiffer auch noch den Billigsttarifen der um 1900 gegründeten „Rickmers Reismühlen, Rhederei und Schiffbau A. G. Bremen“ trotzen. Deren schmucke Schlepper „Helgoland“ (später „Porta“) und „Bangkok“ (später „Minden“) erregten im Mindener Raum viel Aufsehen.
In ihrer Erbitterung fanden die Privatschiffer seit 1902 mehr und mehr zu einer einmütigen Haltung den Reedern gegenüber und institutionalisierten dies durch zunächst lose, dann immer festere Formen des Zusammenschlusses. Man war sich einig, dass man mit den Verladern selber abschließen und mit den Reedern einen entsprechenden Schleppvertrag aushandeln wollte. Nach erbitterten Verhandlungen über die Schleppdienste kam es zum Bruch mit den Reedern. Die Bremer und die Mindener Gesellschaft hatten nach einigem Hin und Her in einem abgesprochenen Ultimatum den Verzicht der Schiffer auf die eigene Frachtannahme und zudem mehrjährige Bindungsverträge zwischen sich und ihnen gefordert. Sonst würden sie keine Schleppdienste mehr leisten. Alle Schiffer lehnten ab. So kam es am 26.8.1911 zum rechtlichen Zusammenschluss der zwei Schiffervereine aus Minden und Hameln zur Oberweser Privatschiffer-Vereinigung, Transport- und Handels-Gesellschaft mit beschränkter Haftung (OPV). Ihren Mitgliedern gehörten 45 der 349 Schiffe in der Größenordnung zwischen 100 und mehr als 700 Tonnen Tragkraft, die 1912 oberhalb Bremens verkehrten.
Die OPV funktionierte alles in allem über Jahrzehnte ohne große Reibungen. Die Fluktuation der Mitglieder war gering, die Zusammenarbeit zwischen ihnen gut. 1920 gab es 56 Gesellschafter, in den 30er-Jahren zwischen 59 und 66. Die steigende Tendenz hängt auch damit zusammen, dass das Reeder-Interesse an einer eigenen großen Kahnflotte erlahmte und so manches Schiff an Privatschiffer verkauft wurde.
Die – mit ihrer Zentrale mehrfach zwischen Bremen und Minden wechselnde – Geschäftsstelle der OPV nahm sämtliche Aufträge entgegen und verteilte sie gerecht auf die Mitglieder, soweit dies ohne unzumutbare Zeitverluste möglich war. Das waren 1912 insgesamt 18.000 Tonnen oder rund 10 % des Frachtaufkommens auf der Weser bzw. rund 20 % des Aufkommens oberhalb Bremens. Eine zugewiesene Ladung musste bei einer Vertragsstrafe von 500 Mark angenommen werden, doch wurde stets ein Ausgleich zwischen guten und schlechten Fahrten gesucht.
Die regional ausgewogene Zusammensetzung der Gremien sorgte dafür, dass dies so blieb. In der Notzeit der frühen 20er-Jahre war zum ersten Mal erwogen worden, „in einen Topf“ zu wirtschaften. Die dem abgeneigten Eigner der größeren, rentableren Schiffe konnten dies zunächst noch abwenden. Später wurden der Preisdruck aus Überkapazitäten (Zulauf aus dem deutschen Osten) und der Kostendruck aus dem Zwang zum raschen Ersatz der veralteten Flotte von Holzschiffen aber so groß, dass dieses System 1934 schließlich – für Schleppkähne – doch eingeführt wurde und sich über Jahrzehnte hielt.
Das Maß ihrer Nützlichkeit kann daran abgelesen werden, dass sie (die OPV) von allen nichtstaatlichen Einrichtungen der Weserschifffahrt die wechselnden Zeiten am längsten überdauerte. Sie wirkte 96 Jahre lang; am 22.August 2007 wurde sie aufgelöst. Auch formal ging damit eine Ära zu Ende.