Sitten und Bräuche

Soll einem jungen Paar am Hochzeitstage die Sonne scheinen, dann muss die Braut in der Zeit vorher die Katzen gut füttern. Der Braut wird dabei kaum bewusst sein, dass dieser Brauch uralt ist und noch in die vorchristliche Zeit zurückweist.
Die Katzen sind der Göttin Freya heilig, der Schützerin in der Ehe und der Familie. Zu ihren Ehren wurde am Freitag „gefreit“, ein Brauch, der bis heute lebendig geblieben ist. Freya soll die Ehe segnen.
Die Freunde und Freundinnen des Bräutigams und der Braut wollen auch zum Glück des jungen Paares beitragen: Am Polterabend zerschlagen sie unter lautem Lärm allerlei Geschirr. Heute gilt uns das nur als Ausdruck übermütiger Festesfreude. Früher aber wusste man: „Scherben bringen Glück“, aber doch nur dadurch, dass – nach uralter Vorstellung – durch das „Poltern und das Klirren der Scherben unglückbringende Geister verscheucht werden.
Kommt das Hochzeitspaar von der Kirche, „schatten“ die Kinder, oft auch nur Erwachsene, mit über die Straße gezogenen Seilen. Der Bräutigam muss sich dann durch einen Wurf kleiner Münzen, heute wohl auch eher mit Süßigkeiten, lösen. Ursprünglich war das ein Lösegeld für die Erlaubnis, die Braut aus ihrer alten Gemeinschaft in eine neue zu bringen, vor allem, wenn sie aus einem anderen Dorfe geholt wurde.
Andere Hochzeitsbräuche, wie der Willkommensgruß mit einem Trunk Weines unter dem Türbogen der „Niendür“ oder mit Brot und Salz am Herdfeuer, das Rauben und Einlösen der Braut oder sinnbildlich ihrer Schuhe, das Zerreißen des Kranzes und Schleiers und das folgende „unter die Haube bringen“ der jungen Frau, mögen hier nur kurz erwähnt sein.
Sie alle gehören zu den vielen Bräuche, die in unserer Heimat das Leben der Menschen in den Hoch-Zeiten wie im Alltag, von der Wiege bis zum Grabe, begleiten.
Viele alte Bräuche sind an den Jahresablauf gebunden, an den Ablauf des Bauernjahres mit seinen ewigen Wechseln von Saat und Ernte, mit seinen vom Sonnenlauf bestimmten Arbeitsrhythmus, seinen Festen und Ruhepausen. Sie waren vielfach mit der Wirtschaftsweise der alten Zeiten verknüpft, mit ihren alten Arbeitsvorgängen und den dabei verwendeten Geräten.
Mit Beginn des Maschinenzeitalters hatte ihre Stunde geschlagen und der Einbruch der Technik in unsere Bauernhöfe und in die Werkstätten unserer Handwerker räumte mit Arbeitsbräuchen auf, in denen jahrhundertealte Erfahrungen, ungeschriebener Gesetze gleich, weitergegeben wurden.
Mit dem Sprinnrad und dem Webstuhl verschwand zum Beispiel nicht nur ein altes, nicht mehr lohnendes Hausgewerbe aus unseren Dörfern, sondern zugleich auch der Flachs von unseren Feldern. Er aber forderte von den Frauen und Mädchen unsere Heimat nicht nur ein heute unvorstellbares Maß an Sorgen, Mühen und Schweiß, er band auch die Haus- und Hofgenossen, dazu oft die Nachbarschaft, in eine Kette von Gemeinschaftsarbeit.
Von der Aussaat am hundertsten Tage des Jahres, am 10. April, bis zum Ende des Webens kurz vor Ostern des nächsten Jahres entfalteten sich viele althergebrachte Bräuche, die von allen anerkannt wurden und im höchsten Maße zur dörflichen Gemeinschaftsbildung und –bindung beitrugen.
Schon die kleinen Kinder, die noch nicht spinnen konnten oder Garn spulen konnten, wussten um den Wert einer gute Flachsernte, wenn sie zur Fastenzeit zum „Fu´en“ auszogen. Wenn sie dann Mädchen und junge Frauen mit wintergrünen „Hülsen“ (Ilexzweigen), den Lebensruten, an die Beine schlugen, zugleich Abwehr- und Fruchtbarkeitszauber ausübend, sprachen sie dazu einen Flachssegen.
Brauchtumsträchtig war auch die Erntezeit. Sie verband die Bauern mit ihren Knechten und Mägden und ihren Tagelöhnerfamilien in gemeinsamer schwerer Arbeit und bestimmte weitgehend das Denken und Fühlen aller Dorfbewohner. In unserer Zeit der Mähdrescher stirbt das uralte Brauchtum der Erntezeit ab, lebendig geblieben sind aber die Erntefeste, die ursprünglich Feiern der Hofgemeinschaft waren.
Heute feiert die ganze Dorfgemeinde unter dem bändergeschmückten Erntekranz oder der herkömmlichen früchteschweren Erntekrone, oft unter Beibehalten nicht mehr verstandener Sinnbilder, wie des Erntehahnes und der Eierkette oder der letzten Gabe.
Viele alte Bräuche verbanden sich im Laufe der Zeiten mit den Festen des Kirchjahres und blieben so lebendig: Das Holen des heilkräftigen Osterwassers, der Sprung durch die reinigenden Flammen des Osterfeuers und das Suchen der Ostereier, dieser sichtbarsten Träger des Lebens und der Lebenserneuerung.
Zu Pfingsten das Aufstellen der „Pfingstmaien“ und zur Weihnachtszeit das Schmücken des grünen Lichterbaumes, dem sich erst in unseren Tage der Adventskranz mit seinen vier Lichtern zugesellte.
Brauchtum in vielfältiger Gestalt tragen unsere Kinder in ihrem Martinssingen, in Nikolaus-Heischegängen, mehr noch im Gewand zahlreicher Spiele weiter, Schließlich lebt es noch in vielen Bräuchen von einzelnen Gemeinschaften, von Ständen, Berufsgruppen und Vereinen fort, wie etwa in denen unserer Zimmerleute beim Richtfest oder deren Walz.
Unterschiedlich wie Ihre Herkunft und ihr Alter ist auch das Vertrauen, das man in die Wirkung der alten Bräuche setzte, die Glück wünschen, böse Gewalten verscheuchten und gute heranrufen sollen. Eines aber sollte jedem bewusst sein, dass man zu seinem und der Gemeinschaft Wohlergehen sein gutes Maß selbst beitragen muss.
Wichtig war dabei schon immer, dass eine Frau schon vor ihrer Ehe „haushalten“ lernte und dass der Mann zur Sicherung vor den Wechselfällen des Lebens und für die Verwirklichung seiner Pläne auch in Bezug auf das erforderliche Geld Vorsorge traf.
Immer schon war es gut, einen „Notgroschen“ zu besitzen, „etwas hinter dem Daumen zu haben“, mochte man nach dem alten Brauch Taler auf Taler in den „Sparstrumpf“ stecken oder sorglich „auf die hohe Kante legen“. Wie heute, so galt auch damals: Sparen gehört dazu.
Dieser Text stammt aus einer verfassten Ausarbeitung des ehemaligen Kreisheimatpflegers Wilhelm Brepohl zum Thema „Alte Volksbräuche unserer Heimat“ anlässlich einer Ausstellung im Kreisgebiet von Minden-Lübbecke.