Fritz W. Franzmeyer

Reinhold Trinius (1934-2018)

Reinhold Trinius war nach Anlage und Sozialisation ein politischer Mensch, der die Geschicke seines Landes wie seiner Wahlheimat Barkhausen mitgestalten wollte. Geboren als Sohn eines Pfarrers der Bekennenden Kirche im heutigen Sachsen-Anhalt, erfuhr er schon früh die Gewissensnöte einer christlich orientierten Lebensführung in einem totalitären Regime. Das setzte sich in der DDR fort. 1951, ein Jahr vor dem Abitur, trat er in die FDJ, den DDR-Kulturbund und die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft ein, bald darauf aber, als Student in Halle a. d. Saale, auch in die evangelische Studentengemeinde, unter einem Pfarrer, den das Regime 1954/55 inhaftieren ließ. Auch hatte Trinius in Halle Gelegenheit, westliche Verfassungen, darunter das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, und eingeschleuste West-Literatur zu studieren. Als ihm 1953 der Ausschluss aus der Uni Halle drohte, flüchtete er in den Westen, wo er sein Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen fortsetzte und 1960 in Münster ab­schloss.
Auch im Westen suchte Trinius früh nach politischer Orientierung. Er wurde Mitglied im CDU-nahen Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), wo er den Jesuitenpater und ausgewiesenen Nationalökonomen Oswald von Nell-Breuning hörte, der mit seiner „katholischen Soziallehre“ auch viele SPD-nahe Positionen vertrat, die im Zeichen des Godesberger Programms standen. Auch trat er dem überparteilichen Internationalen Studentenbund (ISSF) bei, der sich dem friedlichen Zusammenschluss der Völker verschrieben hatte.
Doch Trinius war kein Macher, sondern ein zur Philosophie neigender „Bewirker“. Mit Descartes war ihm, nach eigenem schriftlichem Bekunden, der „methodische Zweifel“ nicht fremd, und zeitlebens arbeitete er sich an Kants „Kritik der reinen Vernunft“ ab. Schon als Student aber verspürte er auch das Bedürfnis, seine Erkenntnisse zur Ausrichtung persönlichen Handelns auf das Gemeinwohl auch anderen Menschen zu vermitteln. Ein erstes Forum dafür boten ihm zehntägige Lehrgänge für Schüler der Oberstufe, bei denen er die Gruppenleitung innehatte. Diese Tätigkeit, die er auch einige Jahre lang ausübte, als er bereits in Schuldiensten stand, hat, wie seine Witwe berichtet, nach Aussage eines Freundes maßgeblich seine Absicht ausgeformt, sein Leben der Politik zu widmen. Doch das stand für ihn nicht im Widerspruch zu pädagogischem Wirken. Trinius war Gymnasiallehrer in Bochum, Petershagen und Minden. Unterrichtet hat er, zuletzt als Oberstudienrat am Mindener Herder-Gymnasium, bis in die 2. Hälfte der 70er-Jahre. Dann wurde – unverständlicher bis kontraproduktiver Weise – sein Lehrerberuf mit dem Landtagsmandat für unvereinbar erklärt. So quittierte er den Schuldienst.
Kaum beruflich verankert, trat Trinius 1961 in die SPD ein und machte dort eine beachtliche Karriere. Von 1965 an wohnte er mit seiner Ehefrau in Barkhausen, wo auch die drei Kinder des Paares geboren wurden. Ab 1969 gehörte er 16 Jahre lang dem Rat zunächst der Gemeinde Barkhausen, dann der Stadt Porta Westfalica an, wo er den Ausschuss für Planung und Umweltschutz leitete. 1970 errang er zum ersten Mal ein Direktmandat für den NRW-Landtag. Er verteidigte es über sechs Wahlperioden, also nicht weniger als 30 Jahre. Von 1985 bis 2000 hatte er den stellvertretenden Fraktionsvorsitz inne. Sein Spezialgebiet waren Haushalts- und Finanzfragen. Seine Expertise war aber grundsätzlich oder aus konkreten Anlässen auch auf anderen Gebieten gefragt: Kultur, Bildungshilfe für geistig Behinderte, Hochschulpolitik, Personalfragen, Parteispenden, Geiselnahme Gladbeck. 1994 und 1999 zählte er zu den NRW-Mitgliedern der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten.
20 Jahre lang (1978-1998) war Trinius auch stellvertretender Vorsitzender des SPD-Bezirks OWL. Einmal hatte er sogar Gelegenheit, den Bundesparteitag mit vorzubereiten. Er war im guten Sinne streitbar und schreckte nicht davor zurück, sich innerparteilich scharf zu positionieren. Als Oskar Lafontaine nach dem Fall der Mauer aus Angst vor dem Kollaps des bundesdeutschen Sozialstaats den Zuzug aus der DDR stoppen wollte, erklärte Trinius ihn nicht mehr für geeignet zur Kanzlerkandidatur. Die heimische SPD nannte Trinius in ihrem Nachruf einen „Sozialdemokraten mit Leib und Seele“.
Obwohl Reinhold Trinius von den Wohnorten seiner prägenden Kindheits- und Jugendjahre – Langendorf, Wolfen, Halberstadt und Merseburg – Halberstadt wohl stets als seine „eigentliche Heimat“ betrachtete, fasste er als Erwachsener schnell in Barkhausen Fuß. Fünf Jahre lang war er dort Schiedsmann und bereits nach vier Jahren Einbürgerung Mitglied des Gemeinderats. Anfang der 70er-Jahre half er, freilich gemeinsam mit den anderen Parteien, zu verhindern, dass die Portastraße vierspurig ausgebaut wurde; stattdessen kam, nach endloser Planung, der Weserauentunnel.
Im Streit um die Gebietsreform votierten Trinius und seine Partei gegen die Einbindung Barkhausens in die Stadt Porta Westfalica. Hätte sich die SPD durchgesetzt, gehörte der Ort heute entweder zu Minden oder wäre Teil einer Großgemeinde nach dem räumlichen Zuschnitt des ehemaligen Amtes Dützen. Nach 1973, als die Entscheidung getroffen und kodifiziert war, wirkte Trinius jedoch ohne Ressentiments konstruktiv am Zusammenwachsen der Ortsteile im Rahmen einer Kooperation ihrer Bezirksausschüsse mit.
Auch unabhängig von seinen Parteiämtern und Mandaten engagierte sich Trinius ehrenamtlich in verschiedenen gemeinnützigen und humanitären Einrichtungen und Verbänden. Er begründete die Mindener Gruppe von „amnesty international“ mit, arbeitete für die Evangelische Kirche von Westfalen, gehörte der Mindener Sektion der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit an und war Vorstandsmitglied in der Bielefelder Universitätsgesellschaft ebenso wie bei der Diakonischen Stiftung Wittekindshof. 1986 beherbergte er einen von zwei polni­schen Widerstandskämpfern, die ihre Zeit im KZ-Außenlager Barkhausen durch einen erneuten Aufenthalt in Porta Westfalica aufarbeiten wollten, in seinem Haus. Für sein vielfältiges Engagement bekam er 1991 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 2001 den NRW-Verdienstorden.