Fritz W. Franzmeyer

„Der Kaiserhof“ – vom Vorhof zum Hinterhof des Kaisers

Gleich zweier Wahrzeichen erfreute sich Barkhausen über eine lange Zeit seit Mitte der 1890er-Jahre, des einen auf der Höhe, des anderen am Fuße des Wittekindsberges. Sie entfalteten mit der Zeit eine Wechselwirkung, indem sie sich gegenseitig die Besucher zuspielten. Doch während das Kaiser-Wilhelm-Denkmal gerade eine neue Blütezeit erlebt – was an anderer Stelle dieser Homepage geschildert wird –, läuft es mit dem ehemaligen „Hotel Der Kaiserhof“ seit einem Jahrzehnt ganz und gar nicht gut. Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens am 1. Mai 2011, nach Leerstand und ersten Anzeichen von Vandalismus brannte es im Dezember 2011 weitgehend aus, stand dann einige Jahre als Brandruine, wurde zum Streitobjekt widerstreitender Interessen. Bis ein Urteil des Verwaltungsgerichts Minden vom 20.01.2015 die denkmalgerechte Sicherung des Daches und der übrigen Bausubstanz erzwang. Seitdem wartet es, noch seiner schmucken Dachgauben entkleidet, als Neugierde weckendes Fachwerkgerippe sehnlichst auf ein tragfähiges Nutzungskonzept, das dann wenigstens seine äußerliche Wiederherstellung im alten Glanze ermöglichen würde.
Doch alles auf Anfang! Lange hatte es an der gegen Ende des 18. Jahrhunderts erbauten neuen „Chaussee“ nach Minden, der jetzigen Freiherr-vom Stein-Straße bzw. der Portastraße, nur das Gasthaus Hoffmann gegeben, aus dem später das „Hotel zur Porta“ wurde. Es lag dem Kaiserhof genau gegenüber und war – als „Barriere No. 4“ – aus einer Inkassostelle für das Chausseegeld hervorgegangen. Der ehemalige „verdiente Cüraßier“ Hoffmann bestritt damit seinen zusätzlichen Lebensunterhalt. Hoffmann gehörte auch das jetzige Kaiserhofgrundstück. Er hatte es von den Bauern Schonebohm und Ernsting erworben und erweiterte sein Anwesen im Laufe der Jahre so sehr, dass er 1817 auch ein Gartencafé eröffnen konnte. Es war bald Schauplatz von schmucken Militärkapellen, die sich als ein erster Magnet für Sommerfrischler an der Porta erwiesen. 1834 kam es dort zu einem ersten überregionalen Sängerfest.
Die Blütezeit dieses Hauses war vorbei, als dann gegen Ende des Jahrhunderts der Kaiserhof gebaut wurde. Dessen Errichtung hatte durchaus von Anfang an etwas mit dem Denkmal zu tun. Schon im Jahr nach dem Landtagsbeschluss von 1889 zum Denkmalbau legte eine neue „Actien-Gesellschaft Porta Westphalica“ den Grundstein für das Hotel. Am ersten Pfingsttag 1891 eröffnete es mit Ochsenschwanzsuppe, Rheinsalm, Spargel, Rehbraten und Vanilleeis seinen Restaurationsbetrieb. In Inseraten war an den vorausgegangenen Tagen „um geneigten Zuspruch“ zum Eröffnungsmenü gebeten worden. Im Jahre 1894, noch zwei Jahre vor der Denkmalseinweihung, erreichte der Kaiserhof als größtes Haus am Platze seine volle Kapazität. 1897 kam eine als Holzständerwerk errichtete Laubenhalle hinzu, die einen kunstvoll terrassierten Kaffeegarten bergseitig begrenzte und die noch heute steht. Es waren denn auch durchaus nicht erst die Besuche Kaiser Wilhelms II. 1896 und 1898 an der Porta, denen der Kaiserhof seinen Namen verdankt. Vielmehr trug er ihn von Anfang an, im Vorgriff auf die Lage unterhalb des geplanten Monuments für Wilhelms II. Großvater.
Oberkellner Wilhelm Nolting von der Grotenburg am Hermannsdenkmal wurde als erster Pächter angeworben, nachdem ihm das Fürstliche Verwaltungsamt Detmold bescheinigt hatte, nichts spreche für die Annahme, „daß er das Gewerbe der Gastwirthschaft zur Förderung der Völlerei, des verbotenen Spiels, der Hehlerei oder der Unsittlichkeit mißbrauchen werde“. Auch seine Geburtsgemeinde Deckbergen im Kreis Rinteln hatte ihm mustergültiges Betragen bescheinigt. Die Schankkonzession übernahm Nolting von Wilhelm Horstmann, dem Inhaber des alten Chausseehauses gegenüber. Der hatte dieses im Dezember 1880 von der damals gerade in Liquidation befindlichen Friedrichshütte gekauft, die das Grundstück ihrerseits im Juni 1872 von der Witwe Hoffmann erworben hatte. Horstmann seinerseits veräußerte fast seinen gesamten Grundbesitz beiderseits der Chaussee im Jahre 1890 an die Aktiengesellschaft Porta Westfalica, betrieb aber sein Haus als Frühstückspension weiter.
Nolting hatte im Kaiserhof nicht weniger als 10.000 Quadratmeter zur Verfügung, darunter für die touristischen Spitzenzeiten einen großen Terrassengarten und einen riesigen Festsaal. Nur hundert Meter vom Kaiserhof entfernt Richtung Minden wurde um die gleiche Zeit eine in den 50er-Jahren errichtete, schmucke Fachwerkvilla zum kaum minder imposanten „Hotel Nottmeyer“ – später „Kurhotel Zur Westfälischen Pforte“, jetzt Haus Malche – um- und ausgebaut. Es wurde zunächst von Hotelier Ludwig Nottmeyer, dem Sohn des Direktors der Eisenhütte, geführt, wechselte 1901 aber in das Eigentum der Noltings über. Wilhelm Nolting kam nun vom Kaiserhof herüber. Ebenfalls zur gleichen Zeit entstanden auf dem rechten Weserufer das „Hotel Großer Kurfürst“ und das „Hotel Bellevue“, der spätere „Kaiser Friedrich“. Auf der Höhe des Wittekindsberges kam 1894 das „Hotel zur Wittekindsburg“ hinzu. Von den Noltings ging der Kaiserhof nacheinander in wechselnde Hände über: Henry Vodegel, Max Römer, die Herren Aurich und Jakob.
So war die Porta bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bestens mit touristischer Infrastruktur ausgestattet, um dem Massenansturm der Sommerfrischler Herr zu werden. Das hielt über Jahrzehnte an – sieht man vom Ersten Weltkrieg und den Notjahren danach ab. So wurde etwa 1915 in den großen Sälen der Gasthäuser, auch dem des Kaiserhofs, ein ganzes Bataillon Rekruten untergebracht. Auch für dessen Schreibstube wurde ein Raum im Kaiserhof requiriert. Doch die Zeiten normalisierten sich, und der Strom der Gäste schwoll wieder an. Die Spitzenposition in diesem Betrieb konnte dabei kein anderes Haus dem Kaiserhof streitig machen. Gartenkonzerte, Festessen – oft zu herausragenden Anlässen wie Denkmalseinweihung, Kirchweih oder akademischen Stiftungsfesten –, Verbandstagungen, Tanzveranstaltungen, Karnevalssitzungen und was immer wechselten einander ab. Zwar hatte es dabei auch Enttäuschungen gegeben, die besonders von höchster Stelle ausgingen. So hatte man am Abend der Denkmalseinweihung dem amtierenden Kaiser im großen Saal des Kaiserhofes im Rahmen eines Galadiners huldigen wollen, doch Majestät waren schon wieder unterwegs, und so huldigte man kurzerhand seinem Bilde. Doch beim Kaisermanöver zwei Jahre später gab das Staatsoberhaupt dem nach seinem Großvater benannten Hause dann doch noch die Ehre. Er übernachtete in Zimmer 6. Auch sein Stab kam im Hotel unter. Wilhelm speiste dort mit dem früheren Landrat von Oheimb. Die Hoteliers verkrafteten die höchstamtliche Vernachlässigung und machten ihr Geschäft halt mit dem locker sitzenden Gelde von Leuten minderen Ranges.
So war es denn ein vielversprechendes Haus, das Karl Johann Hermann Knoblich im Jahre 1924 erwarb. Am 7. Februar 1925 erteilte ihm der Kreisausschuss die Konzession. Eigentlich hatte er ja, wie seine Enkeltochter Elli Vonalt geb. Behnke noch aus seinen Erzählungen und denen ihrer Mutter weiß, in Vegesack bleiben wollen. Dort hatte er mit seiner Frau Anna sehr erfolgreich die „Strandlust“ geführt – noch heute ein stets ausgebuchtes Haus – und sie schließlich erwerben wollen. Doch die Vegesacker Sparkasse als Eigentümerin hatte es abgelehnt, die Immobilie zu verkaufen, und so sah sich das nach einem Eigentumsunternehmen strebende Ehepaar andernorts um, fand den Kaiserhof, verkaufte schweren Herzens seine schöne Villa an der Lesum und landete an der Porta. Doch Elli Vonalt erinnert sich auch noch an die Klagen über den Zustand des Kaiserhofs, in dem Karl und Anna Knoblich es vorfanden: kein fließend Wasser, keine Zentralheizung. Stattdessen Waschschüsseln, Nachttöpfe und Kanonenöfen! Das alles musste erst einmal mit hohem Investitionsaufwand geändert werden. Doch bald schon war das Haus den modernen Anforderungen gewachsen und auf Erfolgskurs. Der hielt bis in den Zweiten Weltkrieg hinein an. Die Straßenbahn – längst zur „Elektrischen“ geworden –, der nahe Bahnhof, die Bewegung „Kraft durch Freude“ und das Zerstreuungsbedürfnis der Sommerfrischler, die Vereine, das Fahrgastschiff „Porta Westfalica“: das ganze Drum herum war wie geschaffen, dem Kaiserhof gute Geschäfte zu bescheren.
Doch dann begann die wohl schlimmste Zeit in der Geschichte des Hauses. Der Sturz konnte größer nicht sein. Seit April 1944 wurden für die deutsche Rüstungsindustrie unterirdische Werkhallen in den Wittekinds- und den Jakobsberg getrieben, ab Herbst desselben Jahres wurde darin produziert. Darüber ist viel geschrieben worden und bedarf hier nicht der ausführlichen Darstellung. Neben deutschen Facharbeitern wurden Zwangsarbeiter eingesetzt, vor allem Dänen, Polen, Russen, Ukrainer, aber auch Kriminelle. Sie wurden in verschiedenen Teillagern untergebracht, die sämtlich als Außenstelle Porta des Konzentrationslagers Neuengamme betrieben wurden. Für eines dieser Lager war der große Saal des Kaiserhofs requiriert worden. Die Werksleitung und die aufsichtführende SS richteten sich im Hauptgebäude des Kaiserhofs ein. Zusätzlich wurden Baracken errichtet. Im kleinen Saal kampierten Arbeiter der Organisation Todt (OT). Für die Eigentümerfamilie blieben nur wenige Räume.

 

Im Lager kam es zu unsäglichen menschlichen Katastrophen. Zeitweilig an die 1.500 Häftlinge mussten zur gleichen Zeit oder in Schichten auf engstem Raum zusammen schlafen, essen, sich waschen, ihre Notdurft verrichten, ihre elementarsten Habseligkeiten schützen. Sie wurden von einem brutalen Kapo und einem nicht minder brutalen SS-Rottenführer geschunden, nach Fluchtversuchen oder Unbotmäßigkeiten hingerichtet oder in den Tod getrieben. Für 73 von ihnen wurde später auf dem Barkhauser neuen Friedhof eine Gedenkstätte eingerichtet. Einmal kam es zu einer bewegenden Umbettung. Beide Menschenverächter wurden nach dem Kriege zum Tode verurteilt. Auch unter den Häftlingen selber kam es zu bedrohlichen Auseinandersetzungen, etwa wenn privilegierte Dänen Pakete bekamen und sich die ausgehungerten Mitgefangenen mit Gewalt des Inhalts bemächtigen wollten. Wenn es ums nackte Überleben geht, ist jeder sich selbst der Nächste. Einige Überlebende haben später ihre Traumata in Lebenserinnerungen literarisch verarbeitet: der Pole Jan Kielar („Anus Mundi“), der Franzose Pierre Bleton („Das Leben ist schön“) und der Däne Jørgen Kieler („Der dänische Widerstand gegen den Nationalsozialismus“). Die Werke wurden sämtlich ins Deutsche übersetzt; ihre Lektüre beschwört die verstörende Zeit lebendig und atemberaubend herauf, von der wir Älteren doch ein Teil waren, und sei es auch nur in der Rolle des kindlichen Beobachters.
Zurück zum Kaiserhof. Anfang April wurden die überlebenden Häftlinge nach Bergen-Belsen abtransportiert. Die SS floh nach Osten, ließ eine gesprengte Kettenbrücke hinter sich. Der Kaiserhof war wieder frei. Seine rechtmäßigen Besitzer verbrachten, wie viele andere Ortsbewohner, u. a. der Verfasser dieser Zeilen, ein paar Nächte im ebenfalls geräumten Rüstungsstollen. Anna Knoblich war aber bereits 1942 gestorben.
Wie sich dann erwies, dauerte die neue Freiheit des Kaiserhofs nicht lange. Lassen wir Elli Vonalts Tagebuch sprechen:
„Tante Ella und meine Mutter hielten es nach 2 Tagen nicht mehr aus und wollten nach dem Rechten sehen und uns was zu essen holen. Im Kaiserhof hatten sich Amerikaner einquartiert […] Sie haben alles ausgeplündert und mitgenommen, was ihnen gefiel. Wie es dort aussah, kann man gar nicht beschreiben. Als die beiden Frauen Bratkartoffeln für uns machen wollten, kamen die Schwarzen und verlangten auch warmes Essen. […] Das war am 3. und 4. April 1945. Die amerikanische Truppe zog ab und nun kamen die Engländer. Ein paar Offiziere befahlen uns, das Haus bis zum Abend sauber zu machen. […] Die Offiziere beschlagnahmten das ganze Haus, um dort die Militärregierung 507 einzurichten. Opa wollten sie in den 4. Stock stecken, aber seines Gesundheitszustandes und Alters wegen durfte er unten im Restaurant bleiben. Das wurde zur Hälfte abgeteilt und sein Schlafzimmer und Büro im vorderen Teil untergebracht.“
Dann mussten Elli, ihre Mutter und ihr Bruder das Haus verlassen und mieteten sich in der Nähe ein. Nur die Tante Ella Walter mit ihrem Sohn Heinz und eine Angestellte bekamen einen Arbeitsvertrag und durften wie der Großvater bleiben. Angestellt wurde, seiner guten Englisch-Kenntnisse wegen, auch Karl Knoblich jun. – Bruder von Ellis Mutter –, der bald darauf aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte und dessen Hannoveraner Drogerie ausgebombt war. Dem britischen Sinn für anheimelnde Gemütlichkeit – „my home is my castle“ – hatten die Knoblichs und Behnkes es auch zu verdanken, dass die Engländer einen Kamin einbauten und dafür einen Außenschornstein bis unters Dach hochzogen. Er tat bis zum Schluss gute Dienste. Auch sonst bauten sie vieles um oder ein, durchbrachen Wände für untereinander verbundene Büros und weiteten die Zentralheizung ins zweite und dritte Obergeschoss aus.
„Die Offiziere waren ganz nett, wir bekamen oft eine Tafel Schokolade“,befand Elli.
„Nur ein Sergeant war ein ganz fieser Kerl, schwang sein Stöckchen und sagte: ‚das alles gehört jetzt dem König von England‘. Und ein zweites Bon Mot kann ich nicht vergessen: ‚Wir Engländer sind gewohnt, 2-mal am Tag zu baden‘.“
Auch der damals elfjährige Heinz Walter, besagter Neffe von Ellis Mutter und später eine der tragenden Säulen des erfolgreichen Barkhauser Handballvereins, hat aus eigener Anschauung über das Leben im Kaiserhof um die Zeitenwende 1945 berichtet. Er war mit seiner Mutter im Februar aus Schlesien geflohen, musste erleben, wie wenige Tage nach seiner Ankunft Ellis Vater starb, und war dann den wechselnden Eindrücken ausgesetzt, die aus dem neuen Umfeld auf ihn einströmten. Es schockierte ihn, wie die OT-Arbeiter noch unbekümmert „Die Wacht am Rhein“ singen konnten. Er berichtet, dass im Garten nebenan ein Maschinengewehr aufgestellt worden war, von dem aus man die ganze Front bestreichen und damit die Flucht von Häftlingen verhindern konnte.
Auch die Zeit unmittelbar nach Ende der Kampfhandlungen erlebte Heinz Walter aus nächster Nähe mit. Wie Elli Vonalt in ihrem Tagebuch, berichtet auch er, wie seine und Ellis Mutter aus dem Stollen kurz zum Essenholen in den Kaiserhof zurückkehrten und dort die anscheinend ausgehungerten amerikanischen Soldaten vorfanden:
„Sie waren dort gerade in der Küche tätig und hatten Bratkartoffeln auf dem Feuer, als amerikanische Soldaten schwerbewaffnet her-einstürmten. Sie verlangten zunächst versorgt zu werden, gingen in die Speisekammer und holten dort vorgefundene Eier. Meine Mutter, stets couragiert gewesen, wies sie an, sich in einer Reihe aufzustellen, damit sie nacheinander bedient werden konnten. Später haben unsere Mütter uns erzählt, dass es ein komisches Bild gewesen sei, die fremden Soldaten mit Gewehren unter dem Arm und Eiern in den Händen vor sich zu sehen.“
Zu den weiteren Aufzeichnungen von Heinz Walter
Doch Heinz Walter hat neben Komischem auch Bedrohliches in Erinnerung. So etwa die Gefahr, in die eine ungarische Zwangsarbeiterin die Eigentümerfamilie mit der falschen Beschuldigung gebracht habe, es sei im Hause eine Pistole versteckt, worauf der führende US-Offizier mit Erschießung gedroht habe, wenn die Waffe nicht alsbald ausgehändigt würde. Nur mit Mühe konnte ihm das Rachemotiv klargemacht werden. Als dann die Engländer die Amerikaner abgelöst hatten, war für Klein-Heinz die Zeit des Staunens noch nicht vorbei: Schottenröcke, Dudelsackpfeifer, das Wurfspiel Darts, merkwürdige Gebräuche am Heiligabend und ein zwanzigjähriger Soldat, der sein Gebiss aus dem Mund nahm. So etwas hatte er noch nie gesehen und für möglich gehalten.
1949 wurde der Kaiserhof zurückgegeben. Die Bundesrepublik war gegründet, die D-Mark eingeführt, viel Geld aus dem Marshallplan floss nach Deutschland, das Wirtschaftswunder begann. Davon profitierte auch der Kaiserhof. Dessen Leitung ging am 30. Oktober 1950 – nach dem Tode des Seniors – an seine Tochter Elisabeth Behnke und nach deren Tod schließlich an ihre Kinder Elli und Ernst über. Karls Sohn – ebenfalls ein Karl Knoblich – hatte ja einen anderen Beruf ergriffen. Auch Ernst starb, Elli erreichte die Altersgrenze und übergab die Leitung an ihre Tochter, Heike Steinbock, die zusammen mit ihrem Bruder, Dr. Joachim Vonalt, einfallsreich versuchte, das Ende abzuwenden. Leider ohne Erfolg.
Mehr und mehr war seit den 50er-Jahren wieder gefeiert, gesungen, getagt, gut gespeist und gereist worden. Das Haus blieb für Barkhauser, Mindener und Durchreisende eine erste Adresse. Prominente Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur gaben ihm die Ehre, ganz so wie vor dem Krieg. Die Schar der Gäste internationalisierte sich auch. Besonders beliebt war der Kaiserhof bald bei Dänen und Holländern. Doch der alte Glanz konnte trotzdem nicht mehr zurückkehren. Aus dem ehemals großen Saal war eine Reithalle geworden. Unvorstellbar, dass nach den Gewaltorgien der späten NS-Zeit dort noch einmal hätte gefeiert werden können. Doch es wuchs auch die Konkurrenz. Der Wettbewerb wurde härter, das Publikum anspruchsvoller – aber zuweilen auch unsolider, denn seit der Bustourismus zum Massenphänomen geworden war, konnte es durchaus passieren, dass eine ganze Reisegesellschaft abgefahren war, ehe es ans Bezahlen ging. Hinzu kamen der Wandel der Reisekultur – hin zu Fern- und Städtereisen – und das Austrocknen der feierseligen Vereinslandschaft. Ganz zu schweigen von Großveranstaltungen, wie sie in den 20er- und 30er-Jahren noch gang und gäbe gewesen waren. Zuerst kam der Hotelbetrieb zum Erliegen. Längere Zeit hielt sich das Restaurant, zuletzt mit einem attraktiven Sonntagsbrunch. Schließlich trug auch das nicht mehr. Das Ende ist bekannt. Auch die Laubenhalle ist in Gefahr. Es nutzt ihr nichts, dass der LWL sie – einzigartig in Ostwestfalen-Lippe – im Februar 2007 zum „Denkmal des Monats erklärte und dass sich dann ab 2009 ein eigens dafür gegründeter Verein um sie kümmerte. Der Brand hat alles verändert. Das ganze Anwesen schläft nun und träumt vom Erwachen. Hoffentlich wird es nicht eines aus hundertjährigem Dornröschenschlaf.

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