Fritz W. Franzmeyer

Zur Geschichte von Gut Wedigenstein

Um 800 gründete Karl der Große das Bistum Minden. Zu seinen Burgen zählten im Bereich des Weserdurchbruches die Schalksburg auf dem rechten und – dazugehörig – Burg Wedigenstein auf dem linken Ufer. Der Wedigenstein lag etwas oberhalb des jetzigen Gutshofes. 1829 hielt Justizkommissar Ludwig Koch, der Festredner bei der Einweihung des „Wittekind-Denksteins“ auf dem Gutsgelände, fest:
„Links neben den Wohn- und Wirthschaftsgebäuden des am südlichen Gehänge des Wiehenberges gelegenen Wedigensteins liegt auf einer aus der Waldung vorspringenden Höhe ein niedriges, schon lange als Schafstall benutztes Gebäude, dessen Umfassungsmauern unläugbar aus alter Zeit stammen. Auf diesem Platze sind im weiten Viereck mächtige Grundmauern gefunden; man vermuthet, dass hier die Burg Wedigenstein erbaut gewesen sei. Hier stehen wir gerade auf einer historisch höchst bedeutsamen und wahrhaft heiligen Stelle. Dort südwärts liegen nahe die Gebirge, in denen die Varusschlacht drei Tage lang ihre Blutströme fließen ließ. Dort, dicht vor uns, sehen wir das spätere Schlachtfeld Idistavisus. Nahe ist uns das Feld der sächsischen Schlacht am Süntel unweit des heutigen Lerbeck. Wir erblicken vor uns drüben bei Holzhausen die Höhen, wo die Franken ihr Lager gehabt haben. Wir aber stehen hier auf Wittekinds, des Sachsenherzogs eigenem Boden.“
Wer’s glaubt, möge dies tun. Die Wiederentdeckung der Wittekindssage und ihre Lokalisierung an der Porta wurde jedenfalls begünstigt durch die Wortverwandtschaft der – vermutlich parallel existierenden – Namen „Widukind“ (bzw. „Wittekind“) und „Wedegen“ (bzw. „Widego“). Irgendwann, vielleicht im späten Mittelalter, wurde so die „Wedegenborch“ zur Wittekindsburg, obwohl der Namensgeber der Burg nichts mit dem Sachsenführer zu tun hatte. Wedegen oder Widego lebt indes im „Wedigenstein“ eigenständig fort.
Der Wedigenstein bestimmte mindestens seit dem Ende des 13. Jahrhunderts bis zu den preußischen Reformen zu Anfang des 19. Jahrhunderts stark das soziale Geschick der Menschen in Barkhausen/Aulhausen. Im Hochmittelalter bildeten dessen Besitzer, die „Edelherren vom Berge“, ein bedeutendes Machtzentrum im mittleren Weserraum. Sie waren seit dem Ende des 12. Jahrhunderts die erblichen Stiftsvögte der Bischöfe von Minden, d. h. sie nahmen für diese in einem Teil des Fürstbistums die Gerichtsbarkeit wahr. Hauptsitz derer vom Berge war die Schalksburg am rechten Weserufer. Vermutlich seit dem Sturz Heinrichs des Löwen traten sie dort als selbständige Burgherren auf, denn seit dem Jahre 1185 trugen die Mindener Kirchenvögte den Zusatz „de Monte“ (vom Berge). Obwohl die räumlichen Grenzen ihrer Macht links der Weser unklar sind, umfasste ihre Herrschaft eindeutig auch Aulhausen und die Bölhorst (und natürlich Barkhausen, von dem man aus jener Zeit aber noch nichts Urkundliches weiß). Andernfalls hätte Bischof Otto III. vom Berge nicht 1397 der Stadt Minden gestatten können, die Landwehr in Aulhausen und auf der Bölhorst besonders zu befestigen.
Die Burganlage muss bis weit ins Land sichtbar gewesen sein, denn noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts heißt es im Zusammenhang mit einer Schilderung von Hausberge und der Porta Westfalica:
„[…] auf der einen Höhe praesentiret sich der Wedigenstein.“
Ihr Alter reicht vermutlich noch weit über das Jahr der Ersterwähnung 993 zurück, denn nachdem die ursprünglichen Gebäude (oder deren frühe Nachfolger) 1790 abgerissen worden waren, fand man im Jahre 1810 bei Ausgrabungen altsächsische Gegenstände, über deren Verbleib leider nichts bekannt ist und die auch nicht dokumentiert sind. Aus der Zeit vor dem Abriss stammt lediglich noch die von Koch erwähnte, aus Quadersteinen gefügte Scheune, an deren östliche Schmalseite heute ein Haus „im Tudorstil“, mit Zinnen und Ecktürmchen, angebaut ist, das Wohnzwecken dient. Über dem Bogen des Einfahrtstores der Scheune, zum ehemaligen, hier auf gleicher Höhe gelegenen Fernweg hin ausgerichtet, ist noch halbwegs deutlich eine Jahreszahl lesbar: 1611 (oder 1615). Das Innere der Scheune wurde im Laufe der Jahrhunderte um mehrere Meter aufgeschüttet. So ist denn in der Südwand, zum Talhang hin, ein zugemauerter Torbogen nur noch halb zu sehen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dahinter verberge sich ein unterirdischer Gang, der unter der Weser hin-durchführe. Der Bewohner des Tudor-Hauses gegen Ende des 20. Jahrhunderts will noch einen damals längst verstorbenen Barkhauser gekannt haben, der sich in seiner Kindheit, als der Gang noch offen gewesen sei, hineingetraut habe. Da hat man förmlich vor Augen, wie in alter Zeit geheime Botschaften mit der Schalksburg ausgetauscht wurden, wie man den Belagerern auf rätselhafte Weise entfliehen konnte oder wie der Raubritter Widego, der unten am Fluss den Schiffen aufgelauert hatte, seine Beute heimlich nach oben schaffte.
Jedenfalls nimmt es bei solcher Altehrwürdigkeit nicht wunder, dass sich auch die Sage des Wedigenstein annahm: Die Brüder Grimm bringen den Namen der Burg mit dem Held Witege (Wittich) aus der Dietrichsage in Verbindung. In der nordischen Variante dieser Sage, der „Thidreksaga“, setzt Witege über die Weser und kommt durch „Mundin“ (Minden). Witege ist danach gleichbedeutend mit Widego und dessen späteren Formen Wedekind oder Wittekind. Er schwingt geheimnisvoll mit, wenn vom Wedigenstein die Rede ist. Der Begriff ist über die Jahrhunderte eine Art Leitname des Geschlechtes derer vom Berge. Auch nach dessen Aussterben haftete er am Ort. Offensichtlich wählten spätere Herren des nunmehrigen Gutes für einen ihrer Söhne den Vornamen Wittekind, um sich auf magische Weise in die Geschichte des Hauses einzubinden. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Wedigenstein und nicht die Schalksburg der Stammsitz derer vom Berge war. Beide Burgen zusammen bildeten jedenfalls eine hervorragende Basis zur Kontrolle der Durchfahrt durch die Porta zu Wasser und zu Lande.
Zu Weihnachten 1397 übertrug der vorletzte Edelherr vom Berge, Bischof Otto III., seinen Besitz und mithin auch den Wedigenstein an das Bistum Minden, das ihn jeweils auf Zeit verpachtete. Zu den Pachtrechten gehörten auch die Adelsfreiheit sowie Jagd, Hude und Holzeinschlag. Der Besitz ging offenbar als geschlossene Verwaltungseinheit an Minden über, denn das spätere Amt Hausberge war etwa deckungsgleich mit ihm. In der Folgezeit wurde der Wedigenstein zum Spielball von Interessenkonflikten zwischen verschiedenen Adelshäusern. Er wechselte – meist im Zusammenhang mit dem Geldbedarf der Bischöfe, die gegen das erstarkte Mindener Bürgertum Bündnisse schmieden und Fehden führen mussten – durch Verkauf, Verpfändung oder Pachtablauf häufig den Besitzer. Im frühen 15. Jahrhundert brachte Bischof Wulbrand „das Schloß Wedigenstein, welches der Graf Bernd von der Lippe innehatte, wieder an das Stift Minden“. Dann wurde das „borchlen tom wedegenstein mit twintich stucke landes und mit einem garden, alse darto horet“ an einen Mindener Adeligen verpachtet. Der Name des Pächters: Statius von Barkhausen. Die „Ritter von Barkhausen“ domizilierten von 1230 bis 1584 an der Porta. In den Akten erwähnt sind für die Zeit von 1320 bis 1557 nacheinander ein Diderich, Cord, Statius, Benedictus, Claus und Ernst von Barkhausen, letztere zwei als Brüder.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ging die Burg in den Besitz des Mindener Domkapitels über, in dem sie bis zu dessen Auflösung unter napoleonischer Herrschaft verblieb. Das politisch wie wirtschaftlich wechselvolle Schicksal des Wedigensteiner Burglehens setzte sich bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges fort. Bis dahin war die übrige Gütersubstanz des Domkapitels stark zusammengeschmolzen, so dass der Wedigenstein mit seinen nach Zukauf des Dehmer Fährhofes schließlich über 500 Morgen Land zu einem Eckstein seiner Gesamteinkünfte wurde.
Die neuen Herren nahmen die Wirtschaftskraft des Gutes bis zur Belastungsgrenze in Anspruch. Ihre unmittelbaren Liegenschaften bewirtschafteten die Pächter selbst. Sie zogen darauf Wicken, Rübsamen und alle vier wichtigen Getreidearten, hielten Kühe, Rindvieh, Schweine und Schafe. Zu ihren Wirtschaftsflächen gehörte ein großer Teil der „Ouwelhuser Masch“. Darüber hinaus mussten die meisten Barkhauser Bauern – neben ihren staatlichen Abgaben – über den Wedigensteiner Pächter die dem Grundherrn – also vom Ende des 16. Jahrhunderts an dem Domkapitel, dessen Gläubigern oder Belehnten – geschuldeten „Eigentumsgefälle“ und Dienste leisten. Die Pacht des Gutes wurde regelmäßig zu Höchstgeboten versteigert. Der damit verbundene ökonomische Druck auf den jeweiligen Pächter führte zu jahrhundertelanger Vernachlässigung der Bausubstanz und letztlich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zum Abriss aller alten sowie zum Bau neuer Gebäude – den Vorläufern der jetzigen Anlage.
Den vom Kapitel ausgeübten Druck gaben die Pächter an das eigene Gesinde, aber auch an die Barkhauser dienstpflichtigen Bauern weiter. Dies bestimmte für mehr als zweihundert Jahre deren Los. Wurden sie schon zu normalen Zeiten stark beansprucht, so in Notsituationen geradezu überfordert. Als etwa im Winter 1740/41 ein außergewöhnliches Hochwasser 112 Morgen bestellten Gutsackers abspülte, oder als 1759 die Franzosen im Zusammenhang mit der Schlacht bei Minden 250 Morgen Ackerland verwüsteten, bedrohten die Anforderungen der Schlossherren die bäuerliche Existenz. In dem Maße, wie sich die Pächter sich selbst unter Druck sahen, versuchten sie, eigenmächtig die Abgaben der Bauern zu erhöhen, die Dienstpflichten auszuweiten.
Es kam regelmäßig zu Spannungen, Beschwerden und amtlichen Maßnahmen. So verzeichnen die Akten des Domkapitels für 1791, dass
„gegen Col. Schonebohm aus Aulhausen wegen eigenmächtig weggefahrenen Schnitt-Holzes von einigen auf den Wed. Gründen stehenden Bäumen“
vorgegangen wurde. 1798 intervenierte
„Amtmann Winter gegen die Wedigensteinschen Pflichtigen in pcto zu liefernde Mahlschweine“.
Die Beispiele ließen sich fortführen. Zuweilen kam es sogar zu handfesten Übergriffen. Schon 1534 hatten die Bauern das Schloss geplündert, als Drost und Pfandherr Wilke Schlepegrell sich mit der Stadt Minden angelegt hatte und zeitweilig gefangen genommen worden war. Konflikte im laufenden Betrieb sind seit 1663 belegt und häuften sich dann im 18. Jahrhundert. Es stimmte die Bauern auch nicht versöhnlich, dass König Friedrich II. 1749 das „Bauernlegen“, also die Vertreibung der Bauern von ihrem Hof und die Einziehung ihrer Äcker durch Adel oder Fiskus, verbot und ihnen so bei aller Ausbeutung und Feindschaft eine gewisse Sicherheit gab.
Die Wut entlud sich am heftigsten und folgenreichsten am 6. Juni 1771 unter dem Pächter Cordemann, als der zwanzigjährige Friedrich Wilhelm Koch vom Hof Nr. 7 in Barkhausen dem Hofmeister Cord Pohle nach einem Streit beim Pflügen den Pflugstock über den Schädel schlug und dafür hernach noch den Beifall des Dorfes erntete. Zur Abschreckung wurde Koch im Schnellverfahren zu vier Wochen Zuchthaus und 20 Stockschlägen verurteilt. Auch die Beifallspender handelten sich ein Verfahren ein. Die Akten des Domkapitels für die Jahre 1771 ff. registrieren
„Dienstbeschwerden des Conductors Cordemann zu Wedigenstein contra Spanndienstpflichtige zu Barkhausen (Böschemeyer, Schmeißmeier, Gabriel Koch et cons.)“.
Erst der gegenüber wirtschaftlichen und technischen Reformen aufgeschlossene Agrarfachmann Heinrich Ludwig Schumacher, der das Gut vom verarmten Staate Preußen kaufte und am 1. Juli 1817 übernahm, schuf Ordnung und stellte die „Ökonomie“ des Betriebes auf eine solide Grundlage. Zu dieser Zeit mussten die Bauern keine Dienste mehr leisten. Die Befreiung davon hatten sie – meist durch eine Rentenzahlung – abzugelten. Die Last war aber berechenbar und fiel regelmäßig an. Da auch die Ertragskraft des Gutes stieg, brachen für die Knechte, Mägde und Tagelöhner bessere Zeiten an. Schumacher gab das Gut 1852 an seinen Sohn Carl Wittekind weiter. Der vererbte es seiner Nichte Caroline, geborene Bödecker, aus Hausberge, Ehefrau des Ökonomen Bernhard Ströver. Um diese Zeit verbrachte die spätere Malerin und Schriftstellerin Ida Caroline Ströver ihre Kindheit auf dem Gut, worüber sie 1918 ihr Erinnerungsbuch „Die goldene Pforte“ veröffentlichte.
Ströver war ein gerecht denkender und handelnder Mann, der beim Gesinde geachtet und beliebt war, zu ihm ein patriarchalisches Verhältnis entwickelte und es zur Arbeit motivieren konnte. Seine Kapitalbasis war aber wohl zu schmal, als dass er eine Reihe von schlechten Erntejahren hätte überstehen können. Die Strövers verkauften deshalb das Gut 1887 an den Fabrikanten Heinrich Osthaus aus Hagen in Westfalen. Dieser erbaute das jetzige Herrenhaus und erneuerte auch die übrige Bausubstanz. Als Osthaus 1913 starb, erwarb der Urgroßvater von Dr. Arndt Middelschulte, dem jetzigen Besitzer, das 500 Morgen umfassende Gut von Osthaus‘ Erben, die es nur noch kurze Zeit bewirtschaftet hatten.
Middelschulte hatte sein eigenes, im östlichen Ruhrgebiet gelegenes Anwesen wegen der Ausdehnung des Kohlenbergbaus räumen müssen. Heute sind die an Fläche stark geschrumpften Ländereien sämtlich verpachtet. Schon Arndt Middelschultes Vater, der 2004 verstorbene Dr. Eduard Middelschulte, hatte sich nach und nach vollständig aus der Landwirtschaft zurückgezogen. Er, der zeitweilige persönliche Referent des damaligen Bauernpräsidenten Freiherr Heereman von Zuydtwick, wechselte schließlich den Beruf. An ihn, den letzten Landwirt auf Gut Wedigenstein, erinnert eine von Mitschülern gestiftete Bank am Weserradweg, die dem rastenden Fernwanderer einen weiten Blick auf die Porta gestattet, hinweg über die ehemals gutsherrlichen Felder.

Bilder vom Gut Wedigenstein