Fritz W. Franzmeyer

Friedhofswesen

Im alten Ortskern von Barkhausen steht eine schlichte Dorfkapelle aus Portasandstein. Fachleute schätzen ihr Alter auf 460 bis 470 Jahre. Um sie herum steht oder liegt, teils von Efeu überwuchert, etwa ein Dutzend halb verwitterter Grabsteine und -platten. Darunter die Grabplatte für einen schwedischen Obristen aus dem Dreißigjährigen Krieg; er starb im Jahre 1639. Ein Friedhof aus ganz alten Tagen? An den Steinen lässt es sich nicht ablesen. Die Obristen-Platte liegt dort noch keine 35 Jahre.
Ähnlich sieht es mit dem Grabstein des Schmiedemeisters Witthaus aus. Dieser starb zwar immerhin vor über hundertfünfzig Jahren. Der Stein aber steht dort ebenfalls erst wenige Jahrzehnte. Beide, Platte und Stein, befanden sich früher auf einem anderen, unweit gelegenen Friedhof hinter der alten Schule am Kapellenweg. Nachdem dieser im Jahre 1939 eingezogen worden war und zum Verkauf als Baugrund anstand, entging die im Erdreich verborgene Grabplatte des Obristen der Bestandsaufnahme durch das „sehr tätige“ Barkhauser Mitglied des Mindener Geschichtsvereins, Bergmann. Sie wurde im Jahre 1972 bei Ausgrabungen auf dem Grundstück Kapellenweg 10 wieder zutage befördert und dann an die Kapelle umgesetzt.
Ähnlich erging es den anderen Grabsteinen an der Kapelle, von denen freilich nur der kleinere Teil in Barkhausen verblieb. Der des Schmiedemeisters kam zunächst in den Schuppen seines heutigen Nachfahren – auch er wieder ein Schmiedemeister Witthaus –, und von dort erst, auf Anregung von Pastor Wilhelm Westermann, an die Kapelle. Auch die Todesdaten auf den übrigen Grabsteinen weisen nur in das 19. Jahrhundert zurück. Der kleine Friedhof an der Kapelle hat also nicht die Qualität eines Denkmals, an dem Dorfgeschichte abgelesen werden kann. Authentische Dokumente sind lediglich die Steine und Platten als solche, insoweit ihre Beschriftung – was zum Teil der Fall ist – interessante Auskünfte über im Dorf gelebtes Leben gibt. Fest steht nach Textstellen in alten Dokumenten lediglich, dass es sich bei dem Areal um die Kapelle herum überhaupt um einen frühen Gottesacker handelt.
Schon gar nicht gibt es Quellen darüber, wann die ersten Toten hier bestattet wurden. Aber auch das Alter des zweiten, am Kapellenweg gelegenen Friedhofs ist nicht bekannt. Der letztere ist im Zweifel jünger als der erstere. Das Barkhauser Kapellenbuch wird erst seit etwa 1700 geführt und enthält auch keine Informationen über die Lage der Gräber. Die Barkhauser Kapellengemeinde war bis zur Gründung der Evangelischen Kirchengemeinde Barkhausen im Jahre 1895 elfen in dieser Frage nicht weiter. Erst aus dem 19. Jahrhundert erfahren wir einiges über den kleinen Friedhof am Kapellenweg. Die Quellen sind für diese Zeit vor allem unter zwei Aspekten interessant. Sie zeigen einmal, wie der Status Mindens als preußische Festung zu einer recht engen Verflechtung der Stadt mit dem Dorfe Barkhausen im Bestattungswesen geführt hat. Und sie zeigen zum anderen, wie die bestehende kirchlich-institutionelle Bindung Barkhausens an Minden, deren Rechtsqualität unscharf und von Querelen gekennzeichnet war, innerhalb des Dorfes dazu führte, dass die unter dem erheblichen demographischen Druck jener Jahre dringliche Suche nach einem neuen Gottesacker Kapriolen schlug. […]
Hierbei handelt es sich um einen Ausschnitt eines Aufsatzes von Fritz W. Franzmeyer.
Die gesamte Fassung dieses Werkes und weitere Aufsätze über Barkhausen sind unter der ISSN 0340-188X beim Mindener Geschichtsverein veröffentlicht worden.
Mindener Geschichtsverein